STEVEN WILSON (Februar 2009)


 

 

 

Steven Wilson ist ein echter Workaholic. Als hätte der Kopf der angesagten Artrocker PORCUPINE TREE mit seiner Hauptband und diversen Nebenbaustellen wie BLACKFIELD und BASS COMMUNION nicht schon genug zu tun, veröffentlicht er dieser Tage auch noch sein erstes Solowerk. ’Insurgentes’ ist dabei ein sehr experimentelles, eigenwilliges Album geworden, mit dem vor allem die Rockfans unter seinen Anhängern Probleme haben dürften. Als Interviewpartner ist Wilson aber wie üblich einsame Klasse.  

 

Steven, worin bestand die Motivation, ein Soloalbum unter deinem Namen zu veröffentlichen?

„Ich bemerkte, dass ich Musik schrieb, die zu keinem meiner Projekte wirklich passte. Die Songs zeigten Seiten von mir, die zuvor nie ausgedrückt worden waren, und repräsentierten zum ersten Mal alle Facetten meiner musikalischen Persönlichkeit, von progressiven Klängen über Ambient, Drone und Noise bis hin zu Rock und Metal. Daher war einfach die Zeit gekommen, zu sagen, dass es sich um ein Steven Wilson-Album handelt.“

 

Wer hat an der Platte mitgewirkt?

„Ich habe viele Freunde eingeladen; Leute, mit denen ich schon gearbeitet habe, aber auch Musiker, die ich erst in den letzten Jahren kennengelernt habe und mit denen ich unbedingt mal etwas machen wollte, zum Beispiel Keyboarder Jordan Rudess von DREAM THEATER oder eine Frau namens Michiyo Yagi, die auf dem Titelsong ein Koto, ein traditionelles japanisches Instrument, spielt. Gavin Harrison von PORCUPINE TREE ist am Schlagzeug zu hören, den Bass hat Tony Levin (KING CRIMSON, PETER GABRIEL) übernommen.“

 

Sehr präsent sind auf ’Insurgentes’ minimalistische Stile wie Drone oder Shoegazing. Was gefällt dir an solcher Musik?

„Es dreht sich dabei alles um Struktur und Atmosphäre. Zu keinem Zeitpunkt in meiner Karriere war ich daran interessiert, ein Musiker zu sein, der sehr begabt im Spielen von Instrumenten ist. Die Komplexität meiner Musik – und das neue Album ist ziemlich komplex – steckt in der Produktion, nicht in der Performance. Nicht-Musiker haben oft ein viel stärkeres Gefühl für Atmosphäre und Strukturen. Eine Band wie JOY DIVISION bestand nicht aus virtuosen Musikern, aber sie hat einige der besten Songs erschaffen, die je entstanden sind. Eine ähnliche Atmosphäre wollte ich in die Platte einbringen, besonders bei der Verwendung der Gitarren. Auf ’Insurgentes’ gibt es viele Klänge, die Hörer vermutlich für Keyboardsounds halten, die aber eigentlich stark im Studio bearbeitete Gitarren sind. Das habe ich von Bands wie den COCTEAU TWINS, JOY DIVISION oder THE CURE gelernt, mit denen ich aufgewachsen bin.“

 

Die glockenartigen Gitarrenklänge und der sphärisch produzierte Gesang erinnern zudem an eine Combo wie MAZZY STAR. Eine Band, die dir gefallen dürfte... 

„Aber ja doch! Ich mag sie sehr! Es gibt noch eine andere Gruppe, die ganz ähnlich klingt wie MAZZY STAR, aber sogar noch besser ist. Ihr Name ist RED HOUSE PAINTERS. Sie war auch zur Zeit von MAZZY STAR aktiv und komponierte sehr verträumte, melancholische Songs. Diese Art von Musik ist definitiv ein großer Einfluss für mich!“

  

Sollte Hope Sandoval (die einstige Sängerin von MAZZY STAR – d. Verf.) noch mal ein Album aufnehmen, dann solltest du es produzieren. Das würde perfekt passen! 

„Sie hat eine unglaubliche Stimme! Ich versuchte übrigens, Liz Fraser von den COCTEAU TWINS für die neue Platte zu bekommen, was aber nicht geklappt hat. Hope Sandoval, Liz Fraser oder auch Lisa Gerrard von DEAD CAN DANCE, diese Sängerinnen mit den emporsteigenden Stimmen, haben mich gerade bei ’Insurgentes’ sehr inspiriert.“ 

 

Eine Grundaussage des letzten PORCUPINE-TREE-Albums ’Fear Of A Blank Planet’ war, dass moderne Techniken wie Internet, Handys oder iPods die Menschen davon ablenken, was wirklich wichtig im Leben ist. Analog dazu können die ganzen Produktionswerkzeuge, all die Möglichkeiten, die einem ein modernes Studio heutzutage bietet, Musiker von den grundlegenden Bestandteilen eines guten Songs ablenken. Spürst du diese Gefahr manchmal bei deiner musikalischen Arbeit?

 „Absolut, ja! Ich denke aber, die Gefahr, dass die Produktion beziehungsweise die technischen Überlegungen Vorrang haben vor dem Songwriting, hat schon immer bestanden, seit die Idee von aufgenommener Musik existiert. Ich versuche stets, die Balance zu wahren. Alles, was ich als Künstler tue, ist ein Mix aus Altem und Neuem. Wenn ich Musik schreibe, dann tendiere ich immer noch dazu, dies mit einem Klavier oder einer Akustikgitarre zu tun. Und ich mag einfach alte Instrumente aus den Siebzigern wie Mellotron und Hammondorgel oder Dinge wie Akustikgitarren und Harmoniegesang. Aber auf der anderen Seite liebe ich die Möglichkeiten, die ein Studio und moderne digitale Aufnahmetechniken mit sich bringen. Aber natürlich kann Technik einen auch leicht ablenken, genau darum ging es bei ’Fear Of A Blank Planet’. Dennoch verbringe ich viel Zeit im Studio, um Klänge und Texturen zu entwickeln, weil die Atmosphäre für mich das Wichtigste ist.“

  

Das Album ist an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt entstanden, darunter auch in Mexiko City, einer der sogenannten Megacities, die sich auf unserem Planeten mehr und mehr herausbilden. Gefallen dir solche überbevölkerten Riesenstädte? 

„Ich muss zugeben, ich liebe Städte und das Chaos, das sie verströmen. Ich mag es, dass sie unvorhersehbar und manchmal auch ein bisschen gefährlich sind. Städte können sehr inspirierend sein. Mexiko City hat mich stark inspiriert, weil ich den Ort nicht kannte. Mit New York, Los Angeles oder London bin ich fast schon zu vertraut, zum Teil auch durch Film und Fernsehen. Vor ein paar Jahren habe ich mich in Tel Aviv verliebt und jetzt in Mexiko City. Einige der Orte dort, die wir uns anschauten, waren außergewöhnlich. Wenn sich diese Locations in den USA oder in Europa befinden würden, dann würden dort alle Metal-Bands ihre Videoclips drehen wollen! ’Avenida de los Insurgentes’ heißt eine Straße in Mexiko City. Nach ihr habe ich quasi das Album benannt. Es ist die längste Straße der Welt.“   

 

Was bedeutet das Wort ’Insurgentes’? 

„Es heißt soviel wie Aufruhr oder Rebellion. Der Name hat einen Bezug zur politischen Geschichte Mexikos. Gleichzeitig passt die Bedeutung des Wortes zu meiner Soloplatte. Ich bin zwar kein Rebell im Sinne dieser charismatischen, legendären Typen wie James Dean, Johnny Rotten oder Kurt Cobain, aber die Art, wie ich meine Karriere innerhalb der Musikindustrie voranbringe, ist, wenn nicht rebellisch, so doch recht unkonventionell. Das fängt schon damit an, dass die Musik sehr schwer einzuordnen ist. Außerdem mag ich die Vorstellung, dass meine Arbeit sich außerhalb des Mainstream befindet. Ich fand dieses Wort somit sehr passend für mein erstes Soloalbum.“ 

 

Die Platte wurde zuerst als Mailorder-Version über deine Homepage angeboten. Die normale Veröffentlichung in den Läden erfolgte hingegen erst ein paar Monate später. Schon bei der letzten PORCUPINE TREE-EP ’Nil Recurring’ hattest du dich für diese Strategie entschieden. Warum? 

„Dem Modell, eine Platte zuerst über das Internet zu veröffentlichen, gehört aus meiner Sicht die Zukunft. Es gibt einen relativ günstigen Download und zum anderen eine teuerere Deluxe-Edition. Viele kreative Bands wie RADIOHEAD, SIGUR ROS oder NINE INCH NAILS verfolgen diesen Ansatz ebenfalls. Mir gefallen daran verschiedene Dinge. Zum einen umgeht man damit das Problem, Plattenfirmen überzeugen zu müssen, eine aufwändige Verpackung anzubieten. Labels machen das nicht gerne, weil sie ihre Gewinnspanne wahren müssen. Vertriebe und Großhandel verringern diese zusätzlich. Wenn man die Platte aber direkt an die Fans verkauft, kann man als Künstler in die Verpackung soviel Geld investieren, wie man will. Gleichzeitig kann man das Produkt immer noch zu einem vernünftigen Preis anbieten, weil man keine Vermittler wie Labels, Vertriebe oder Großhandel benötigt. Zudem bekämpft man damit das Problem des illegalen Downloadens. Eine Plattenfirma kann, egal was sie versucht, es letzten Endes nicht verhindern, dass Platten vor dem offiziellen Veröffentlichungsdatum im Internet landen. Das Anbieten einer schönen Verpackung gibt Leuten einen zusätzlichen Anreiz, ihr Geld in ein physisches Produkt zu investieren. Immer weniger Menschen sind heute dazu bereit, 15 Euro für eine normale Jewel-Case-CD zu zahlen. Also muss man ihnen etwas Spezielles anbieten. Mehr und mehr Künstler scheinen dies zu erkennen.“

  

Das Album wird auch wieder auf Vinyl erhältlich sein, was in Bezug auf deine Arbeit wie ein Widerspruch erscheint. Was mag ein digitaler Soundtüftler wie du an einem anachronistischen Medium wie Vinyl?

 „Nun, zum einen eben die Verpackung. Eine LP sieht einfach viel schöner aus als eine CD. Aber zum anderen besitzt Vinyl für mich auch eine besondere Romantik, weil ich noch in der Vinyl-Ära aufgewachsen bin. Als ich mich als Teenager in den Achtzigern in die Musik verliebte, waren LP’s noch stark verbreitet. Zu diesem Teil meiner Vergangenheit habe ich also eine nostalgische Beziehung.“  

  

Die Veröffentlichung von ’Insurgentes’ wird begleitet von einem Dokumentarfilm gleichen Namens. Was ist der Grund dafür? 

„Das Kino hat mich schon immer sehr interessiert. Wenn man sich ’Insurgentes’ anhört, dann kann man vermutlich einen starken Einfluss des Kinos in den Songs feststellen. Es sind keine konventionellen Stücke mit Strophen und Refrains, sie haben eher einen filmischen Aufbau. Ich habe über Musik schon immer in dieser Hinsicht nachgedacht. Jetzt habe ich eine Soloplatte aufgenommen und konnte somit komplett machen, was mir vorschwebte. Also ließ ich mich von einem Regisseur namens Lasse Hoile begleiten (der in der Vergangenheit unter anderem einige Videoclips sowie die Live-DVD ’Arriving Somewhere’ für PORCUPINE TREE drehte – d. Verf.). Wir filmten Material über die Entstehung des Albums. Dazu sprachen wir mit vielen Musikern, Produzenten, Journalisten und weiteren Leuten aus der Musikbranche über die Downloadkultur und Erfindungen wie iPods und darüber, wie diese Dinge ihr Leben und ihre Karriere in den letzten Jahren beeinflusst haben. Außerdem drehten wir Material, das man als surreales Roadmovie bezeichnen kann. Lasse sitzt gerade im Schneideraum und bastelt alles zusammen. Der Film wird keine richtige Geschichte erzählen, aber hoffentlich trotzdem unterhaltsam werden. Vielleicht gefällt er auch Leuten, die die Person Steven Wilson nicht kennen, weil er viele Dinge abdeckt über die Musikindustrie und darüber, wie es ist, heute ein Musiker zu sein. Alles hat sich total geändert. Es ist cool, einen Film zu haben, der diese Periode der Veränderung dokumentiert.“

 

Es wird im Film an vielen Stellen zu sehen sein, wie du iPods zerstörst. Hast du keine Angst davor, von Steve Jobs verklagt zu werden, haha?

 „Nun, ich konnte mit den Dingern ja machen, was ich will, sie gehörten alle mir. In gewisser Weise ist es auch ein Spaß. Ich zerstöre im Film zehn iPods auf zehn verschiedene Arten. Ich zerschlage einen mit einem Hammer, einen verbrenne ich mit einer Lötlampe, einen anderen zerschieße ich beispielsweise mit einem Gewehr. Aber natürlich verbirgt sich dahinter auch ein ernster Aspekt. Was die praktische Seite angeht, sind iPods toll. Und sie ermutigen Menschen dazu, noch mehr Musik zu hören. Aber ich möchte einfach auf das Problem der Qualität hinweisen. Es ist sehr wichtig, dass man junge Menschen, die jetzt in der iPod-Ära aufwachsen, darauf hinweist, was sie hören, wenn sie mp3’s konsumieren. Es ist eine sehr mangelhafte Repräsentation von etwas, das eigentlich auf CD oder Vinyl oder in einem tollen Surround-Mix, der für mich das Ultimative darstellt, viel besser klingt. Die beste Metapher, die mir dazu einfällt, ist: Du nimmst jemanden in eine Kunstgalerie mit und zeigst ihm ein Bild von Picasso oder Caravaggio. Dann gibst du ihm eine Fotografie oder eine jpg-Datei davon. Natürlich kann man immer noch der Meinung sein, dass es ein tolles Kunstwerk ist, aber die Qualität der Erfahrung ist viel geringer.“ 

  

Wo du vorhin von deinem filmischen Ansatz gesprochen hast: Der erste Song ’Harmony Korine’ ist wie schon ’Tinto Brass’ vom ’Stupid Dream’-Album nach einem Regisseur benannt. Man kennt Korine zudem für seine Drehbücher zu kontroversen Larry-Clark-Filmen wie ’Kids’. Bist du ein Fan von ihm und Tinto Brass?

 „Um ehrlich zu sein, bin ich kein Fan von Tinto Brass, ich mag lediglich den Namen, haha! Bei Harmony Korine verhält es sich anders. Ich finde, er ist ein brillanter Filmemacher. Aber auch hier habe ich seinen Namen in erster Linie verwendet, weil er mir gut gefällt. Er klingt so schön und poetisch. Der Song handelt nicht von ihm. Ich benutze Namen oft in der Tradition des Surrealismus, wo man zwei Sachen zusammenpackt, die normalerweise nicht zusammen gehören. Was das Stück angeht, fiel mir einfach kein anderer Name ein. Also habe ich seinen gestohlen, haha!“

  

Da das nächste PORCUPINE TREE-Album noch 2009 erscheinen soll: Kannst du den Fans schon erste Details dazu verraten?

 „Ja, kann ich! Ich bin gerade im Studio, um den Songwriting-Prozess zu beenden. 80 Prozent davon stehen bereits. Wir sind uns noch nicht ganz sicher, welche Form das Album letzten Endes haben wird. Das Hauptwerk, um das sich die Platte drehen wird, ist ein Songzyklus, ein 55-minütiges, zusammenhängendes Stück Musik. Wir wollten dieses Mal einfach etwas Anderes machen, also kam uns diese Idee. Wir haben aber auch ein paar kürzere Stücke in petto. Vielleicht werden wir daher sogar eine Doppel-CD veröffentlichen.“ 

 

 

Interview: Alexander Kolbe

Layout: Stefan

 

Alle Bilder von der STEVEN WILSON Website und der MySpace-Seite

 

 

 

 

 

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Discography:

 


Insurgentes

Album - 2009


Harmony Corine

Single - 2009


Insurgentes - Special Edition

Album - 2008


Cover Version IV

Single - 2008


Cover Version IV

Single - 2006


Unreleased Electronic

Music (zweites Re-Issue)

Album - 2006


Unreleased Electronic

Music (Re-Issue)

Album - 2006


Cover Version III

Single - 2005


Cover Version II

Single - 2004


Unreleased Electronic

Music Vol. 1

Album - 2004


Cover Version

Single - 2003

 

 

 


 

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