SEPULTURA (Januar 2009)


 

 

Hier kommt A-Lex!


Die brasilianische Thrash-Legende SEPULTURA arbeitet mit Konzept. Basierte das letzte Album ’Dante XXI’ auf der ’Göttlichen Komödie’ des italienischen Dichters Dante Alighieri, so hat sich die Band diesmal Anthony Burgess’ Kultroman ’Uhrwerk Orange’ vorgeknöpft, dessen Kinoadaption von Stanley Kubrick Filmgeschichte schrieb. ’A-Lex’ heißt das Ergebnis, auf dem Igor-Cavalera-Nachfolger Jean Dolabella zum ersten Mal im Studio die Drums bearbeitete. Bei einem Glas Moloko-Plus unterhielten wir uns mit Gitarrist Andreas Kisser, einem der zwei verbliebenen Mitglieder des klassischen Line-ups, über das neue Werk.
 

Andreas, erst Dante, jetzt Burgess: Sind SEPULTURA zu einer literarischen Band mutiert?

Andreas: „Warum nicht, haha? Das ist einfach etwas, das uns wirklich Spaß macht. Ich fing vor zehn Jahren an, Musik für Soundtracks zu komponieren. Vor vier Jahren haben SEPULTURA auch mal für einen recht großen brasilianischen Film zwei Songs geschrieben. Man richtet seine Aufmerksamkeit auf ein Thema. Das macht einen kreativer. Die Ideen fangen förmlich an zu fließen, nicht nur was Texte und Musik betrifft, sondern auch Dinge wie Videoclips, Bühnenbild oder Merchandise-Artikel. Wir hatten das bei ’Dante XXI’ ausprobiert, und es funktionierte großartig. Also beschlossen wir, ein weiteres Buch zu vertonen. Und mit ’Uhrwerk Orange’ ist jeder in der Band sehr vertraut, vor allem unser Sänger Derrick und ich. Wir beschäftigten uns ausführlich mit dem Buch und der Biographie von Anthony Burgess, um soviel wie möglich zu lernen.“

 

Was fasziniert dich an der Geschichte von ’Uhrwerk Orange’?

Andreas: „Der Film ist einfach ein Klassiker, den ich als junger Mensch Anfang der Achtziger zum ersten Mal sah. Seitdem habe ich ihn viele Male angeschaut. Die Geschichte hat ein hohes Tempo. Man erlebt, wie die Hauptperson Alex verschiedene Phasen durchläuft. Auf den ersten Blick sind Buch und Film sehr gewalttätig, aber insgesamt berühren sie neben Gewalt viele andere Aspekte wie Kirche und Politik. Und natürlich geht es um den freien Willen, darum, daß man die freie Wahl hat, sein Schicksal selbst zu bestimmen.“

 

Warum war es euch wichtig, das letzte Kapitel des Buches einzubeziehen, das der Film außen vor läßt? Viele finden es kitschig und übermäßig sentimental...

Andreas: „Das Kapitel, was im Film fehlt, macht das Buch vollständiger. Man versteht die Geschichte besser. Daß der Film nicht die komplette Story erzählt, wußte ich erst gar nicht. Er endet damit, daß Alex im Krankenhaus liegt, wieder gesund ist und erneut anfängt, über Vergewaltigung und Schlägereien nachzudenken. Man bekommt den Eindruck, daß er nach seiner Heilung wieder das Gleiche wie zu Beginn tun wird. Im Buch erfährt man jedoch, daß er nach seiner Resozialisierung darüber nachdenkt, eine Familie zu gründen, Kinder zu haben, einen Job anzunehmen. Wenn man jung ist, baut man oft viel Mist. Man denkt, man weiß alles, weiß aber eigentlich kaum etwas. Mir ging es früher genauso, auch wenn ich natürlich niemanden umgebracht habe. Aber mittlerweile habe ich drei Kinder und kann mich gut in Alex hineinversetzen. Das Ende des Buches verleiht der Story Tiefe.“ 

Hinter der Schreibweise des Titels ’A-Lex’ verbirgt sich im Übrigen ein Wortspiel, wie Andreas erklärt.

Andreas: „Einer der Gründe, warum Anthony Burgess die Hauptperson Alex genannt hat, ist die Tatsache, daß ’A-Lex’ im Russischen soviel bedeutet wie „gesetzlos“. Russische Vokabeln sind ja ein wichtiger Bestandteil der „Nadsat“-Sprache, die Alex und seine Kumpane sprechen (das Wort „Nadsat“ basiert auf dem russischen Suffix der Zahlen von elf bis 19, was dem englischen -teen entspricht, das wiederum identisch mit der Kurzform von „Teenager“ ist – d.Verf.). Nadsat ist ein Mix aus Cockney (ein Londoner Jargon – d. Verf.) und Russisch. Ich finde, der Titel ’A-Lex’ drückt einfach gut das Zukunftsmilieu aus, in dem der Stoff spielt, die unsicheren und chaotischen Umstände.“

 

Der Sprachmix ist ein Indiz dafür, daß Alex ein intelligenter Mensch ist und kein dummer Primitivling. Er hat auch ein starkes Interesse an klassischer Musik, das im Film auf Beethoven reduziert wird, im Buch aber auch andere Komponisten umfasst. Trotzdem ist er ein brutaler Gewalttäter, dem es Spaß macht, andere Menschen zu quälen.

Andreas: „Gewalt gab es nie nur bei Armut und Ungerechtigkeit. Sie ist überall zu finden. Alex kommt aus einer soliden Familie. Seine Eltern lieben ihn, es fehlt ihm an nichts, und er ist sehr intelligent, was er für seine Zwecke nutzt. Die Regierung versucht dann, ihm durch eine spezielle Therapie einen guten Willen aufzuzwingen, einen guten Menschen aus ihm zu machen. Sie verabreichen ihm Medikamente und Gehirnwäsche, aber letzten Endes funktioniert es nicht.“

 

Gibt es viele Parallelen im Buch zum tagtäglichen Leben in Sao Paulo?

Andreas: „Es ist nicht damit zu vergleichen. Sao Paulo ist eine riesige Metropole mit über 20 Millionen Einwohnern. Hier passiert also alles: Gutes, aber auch Schlechtes wie Raub, Entführung und Drogen. Es gibt zahlreiche soziale Schichten. Man sieht selten reiche Kids, die kriminell sind. In Sao Paulo leben einfach zu viele Menschen, die Stadt wächst zu schnell. Die Welt in ’Uhrwerk Orange’ ist trotzdem um einiges chaotischer.“

 

Was war euer musikalisches Ziel bei der Umsetzung des Stoffes?

Andreas: „Wir wollten das Dreckige und die wüsten Zustände in der Musik widerspiegeln. Das Album klingt sehr roh, ’Dante XXI’ fiel hingegen etwas polierter aus, weil das für Dantes ’Göttliche Komödie’ notwendig war. ’Uhrwerk Orange’ ist freier und ungezwungener. Wir stellten die Platte sehr schnell fertig. Das hohe Tempo der Geschichte war dafür hilfreich. Viele der musikalischen Ideen entstanden in lockeren Jamsessions. Wir sahen uns den Film an, lasen das Buch, und gleichzeitig schrieben wir das Album. Da Alex viele verschiedene Situationen durchläuft, verwendeten wir zum Beispiel unterschiedliche Gitarrensounds. Die vier Teile der Scheibe weisen auch Unterschiede in ihrer Charakteristik auf. Bei ’Alex I’ ist Alex sehr jung. Er tut, was er will und ist sehr gewalttätig. Daher klingt ’Alex I’ roh und direkt. Bei ’Alex II’ ist er verhaftet worden und muß die Therapie über sich ergehen lassen. Viele Medikamente, Alpträume und Verwirrung spielen dabei eine Rolle, was die Songs reflektieren. Ein Extramusiker spielt Keyboards auf dem Album, was eine Referenz an den Soundtrack des Films darstellt. Da außerdem die Neunte Symphonie von Beethoven eine große Rolle spielt, haben wir sie mit Hilfe eines Freundes von mir, der Orchesterleiter ist, in dem Stück ’Ludwig Van’ aufgegriffen. Er hat früher auch in einer Metalband gespielt und kennt sich dadurch mit beiden Stilen aus. Wir wollten so eng wie möglich an Beethoven bleiben. Da die Symphonie lang ist, filterten wir nur die wichtigsten Elemente heraus. Auf dieser Grundlage haben wir dann unsere Version angefertigt. Ich bin mit dem Ergebnis sehr glücklich.“

 

Bist du im Gegensatz dazu sehr unglücklich darüber, daß euch Igor Cavalera verlassen hat?

Andreas: „Nicht wirklich. Ich meine, es war seine Entscheidung. Man kann niemanden zwingen, weiter mit einem Musik zu machen. Bevor er ging, hatte er gerade eine Trennung durchgemacht, wieder geheiratet und war Vater geworden. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort. Es passierte aber alles in einer Art Übergangsphase. Es war nicht so, daß er uns auf dem falschen Fuß erwischt hätte, wir waren im Gegenteil darauf vorbereitet. Wir nahmen dann noch ’Dante XXI’ mit ihm auf, was cool war, da er einiges zu dem Album beitrug. Er wollte danach jedoch nicht touren. Wir hatten aber ein neues Album am Start und mußten weitermachen. Es ist schön, daß er jetzt wieder mit Max zusammenarbeitet.“

 

Sein Nachfolger heißt Jean Dolabella. Stell ihn doch mal kurz vor!

Andreas: „Er ist ein unglaublicher Musiker und war schon immer ein Fan von SEPULTURA. Jean ist zehn Jahre jünger als wir und bringt neue Energie und frische Ideen in die Band ein. Wir spielen schon seit über zwei Jahren mit ihm und sind mit Jean schon um die ganze Welt getourt. Es ist ein weiteres Kapitel in der Geschichte von SEPULTURA. Wir sind sehr glücklich, ihn in der Band zu haben.“

 

Ist dir die deutsche Punk-Rock-Band DIE TOTEN HOSEN ein Begriff?

Andreas: „Ja, klar! Warum?“

 

Sie haben auch ein Konzeptalbum über ’Uhrwerk Orange’ aufgenommen, das „Ein kleines bisschen Horrorschau“ heißt.

Andreas: „Ach, tatsächlich? Cool! Das wußte ich nicht. Dann muß ich nach der Platte mal Ausschau halten.“

 

Kennst du eigentlich außer ’Uhrwerk Orange’ noch andere Bücher von Anthony Burgess?

Andreas: „Nein, aber ich habe über ein paar andere Werke Recherchen angestellt. Es gibt ein Buch namens ’The Wanting Seed’, das zur gleichen Zeit wie „Uhrwerk Orange“ geschrieben wurde. Es handelt von Kannibalismus. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber es soll ziemlich brutal sein, haha. Was aber bei Burgess interessanter ist, ist sein Leben. Ihm wurde 1960 gesagt, daß er einen Gehirntumor hat und nicht mehr lange leben wird. Man gab ihm noch ein Jahr. Er schrieb daraufhin wie verrückt. In dieser Zeit entstand auch ’Uhrwerk Orange’. Letzten Endes lebte er aber bis 1994. Er reiste in unzählige Länder und sprach viele Sprachen. Anthony Burgess war ein sehr intelligenter Mensch!“

 

Interview: Alexander Kolbe

Layout: Stefan

 

Alle Bilder von der SEPULTURA Website und der MySpace-Seite

 

 

Line-Up:

 


 

Von links nach rechts:

 

Andreas Kisser - Gitarre
Paulo Xisto Pinto Jr. - Bass
Derrick Leon Green - Gesang, Gitarre
Jean Dolabella - Schlagzeug
 

 

Webseiten:

 

 

 

 

 

 

 

 

Discography:

 


A-Lex

Album - 2008


Dante XXI

Album - 2006


Live In Sao Paulo

Live-Album - 2005

 

 

Roorback

Album - 2003


Revolusongs

EP - 2002


Under A Pale Grey Sky

Live-Album - 2002

 

Nation

Album - 2001

 

Against

Album - 1998


Roots

Album - 1996

 

Chaos A. D.

Album - 1993

 

Arise

Album - 1991


Beneath The Remains

Album - 1989


Schizophrenia

Album - 1987


Morbid Visions

Album - 1986


Bestial Devastation

EP - 1985

 

 

 

 


 

Alle Inhalte (c) Ancient-Spirit-Magazine

Webmaster: info@ancientspirit.de